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Welche Prävention für welche Patienten?
Das ist eine entscheidende Frage, die man bis heute nicht hinreichend beantworten kann. Dafür gibt es mehrere Gründe: Bei der Entstehung des Prostatakarzinoms (HGPIN) spielen offensichtlich verschiedene Pathomechanismen eine Rolle, für die heute bereits auch entsprechende präventive (und wissenschaftlich durchaus begründete) Maßnahmen zur Verfügung stehen (Tabelle 2). Unklar ist nur welche der bekannten Ursachen/Targets für den Betroffenen im Einzellfall ausschlaggebend sind. Eine rationale Prävention ist nur möglich, wenn sich die Wahl der präventiven Maßnahmen an den pathogenetischen Faktoren orientiert, die für den individuellen Krankheitsprozess auch relevant sind; d. h. eine Prävention (z. B. mit Toremifen), die bei dem Patienten A wirksam ist, kann bei dem Patienten B unwirksam sein. Der Stanzbefund des Patienten könnte hier im Einzelfall wichtige Hinweise auf die zugrunde liegende Pathogenese und die entsprechenden Angriffspunkte (Targets) für präventive Maßnahmen liefern. Zum Beispiel wären bei HGPIN mit Überexpression des Androgenrezeptors (AR) Substanzen, die die Rezeptorexpression absenken (Phytoöstrogene, Vitamin E, Selen), ein rationaler Ansatz für die Prävention (AR silencing). Dagegen sind Bcl-2 positive HGPIN (etwa 20 % der Fälle) möglicherweise schon resistent gegenüber dem androgenregulierten Zelltod. Präventive Maßnahmen, die gegen den Androgenrezeptor oder seinen Liganten (DHT) gerichtet sind (Finasterid), dürften in dieser Situation wenig bewirken. HGPIN mit Verlust des ERβ werden wohl kaum von der Einnahme von Phytoöstrogenen beeinflusst. Hohe ERβ-Expressionsraten dagegen signalisieren eine mögliche chemopräventive Wirkung von Phytoöstrogenen. Der Nachweis des ERα oder des ERα-regulierten PS-2 in HGPIN spricht für eine östrogeninduzierte Erkrankung. Der ERα- Antagonist Toremifen wäre dann die bestmögliche Option. Hohe Expressionsraten von AMACR und der FAS (fatty acid synthase) in HGPIN dokumentieren die Rolle eines gestörten Fettstoffwechsels bei der malignen Transformation des Prostataepithels und signalisieren eine mögliche Wirksamkeit von Cholesterinsenkern (Statinen), um diesen Prozess zu stoppen. Aspirin oder andere COX-2-Inhibitoren (Omega-3-Fettsäuren, Lachsöl) wären eine Option für die Patienten mit einer nachgewiesen Überexpression von COX-2 in HGPIN. Prospektive klinische Studien, die die verschiedenen pathogenetischen Faktoren (AR, ERα, ERβ, AMACR, COX-2 etc.) im Studiendesign berücksichtigen, gibt es zurzeit noch nicht. Für die Entwickelung präventiver Strategien gegen das Prostatakarzinom wird jedoch das molekulare Targeting der HGPIN in Zukunft eine immer größere Rolle spielen; d. h. die Wahl der präventiven Maßnahmen richtet sich nach den Angriffspunkten (Targets), die in der HGPIN des Patienten auch vorhanden sind (z. B.: die HGPIN des Patienten ist COX-2-positiv à Prävention mit COX-2-Inhibitoren).
In der aktuellen Diskussion um die Prävention des Prostatakarzinoms ist neben HGPIN auch die Prostatitis ein möglicher Angriffspunkt für präventive Maßnahmen. Fokale Herde einer chronischen und floriden Prostatitis sind ein sehr häufiger Befund in Stanzbiopsien, ohne dass man daraus ein erhöhtes Risiko ableiten könnte. Nicht selten finden sich jedoch ausgedehnte Herde einer postinflammatorischen Atrophie mit chronischer und florider Entzündung in der peripheren Zone. Brauchen diese Patienten eine Prävention? Es gibt erste Hinweise dafür, dass bei Patienten mit einer substanziellen Prostatitis in der Erstbiopsie häufiger Prostatakarzinome in der Rebiopsie diagnostiziert werden als bei den Patienten ohne Entzündung (20 % versus 6 %) (17). Wenn sich dieser Trend in weiteren Studien bestätigt, dann steht die Entzündungsbekämpfung durch Antibiotika, Entzündungshemmer und Antioxidantien bei diesen Patienten im Vordergrund der Prävention. Auch das Finasterid bietet Angriffspunkte bei chronischen entzündlichen Prozessen. Finasterid unterdrückt die Angiogenese, ein wesentlicher Bestandteil jeder Entzündung, und reduziert die obstruktive Komponente durch das Verkleinern der Prostata. Es gibt bislang keine klinischen Studien, in denen geprüft wurde, ob bei Patienten mit einer substanziellen Prostatitis in der Erstbiopsie durch eine zielgerichtete Prävention (Antibiotika, Entzündungshemmer, Antioxidantien) die Detektion des Prostatakarzinoms gesenkt werden kann. Auch bezüglich des COX-2-Mechanismus, der für die Entstehung des Prostatakarzinoms offensichtlich eine wichtige Rolle spielt, existieren bislang keine prospektiven klinischen Studien. Ist die postinflammatorische Atrophie mit Überexpression von COX-2 ein Risikofaktor? Profitieren diese Patienten von präventiven Maßnahmen, die gezielt gegen COX-2 gerichtet sind? An einer rationalen Begründung für die Initiierung solcher Studien fehlt es kaum, zumal die postinflammatorische Atrophie ein relativ häufiger Befund in tumorfreien Stanzbiopsien darstellt.
Einige präventive Maßnahmen ergeben sich freilich auch aus den klinischen Risikofaktoren, wie z. B. Übergewicht (Gewichtsreduktion, evtl. Statine), Rauchen (Vitamin E), Selenmangel (Selensubstitution), Vitamin-D-Mangel (Vitamin-D-Substitution) und eine unausgewogene Ernährung (Phytoöstrogene, natürliche Antioxidantien) (Tabelle 3).
Ein weiterer nicht unwesentlicher Aspekt der Prävention des Prostatakarzinoms ist seine Vernetzung mit der Prävention von anderen Erkrankungen. Einige präventive Maßnahmen, die gegen das Prostatakarzinom gerichtet sind, haben auch Bedeutung für die Prävention anderer Tumoren und Erkrankungen. Dazu gehören Kolonkarzinome (COX-2-Inhibitoren, Aspirin z. B. reduziert das Erkrankungsrisiko um 70 %), Bronchialkarzinome (Selen, Vitamin E) und vor allem auch die kardio- vaskulären Erkrankungen (Gewichtsreduktion, Phytoöstrogene, Statine, Aspirin, Fischöl, Vitamin E). Jeder Mann, der auf eine ausgewogene Ernährung achtet (Tabelle 3), tut nicht nur etwas für seine Gesundheit, sondern auch etwas für seine Prostata. Der Nutzen von Nahrungsergänzungsmittel in Form von Multivitaminpräparaten muss dagegen kritisch bewertet werden. Bei Missbrauch (Überdosierung) können Nebenwirkungen auftreten, wie z. B. Herz- und Hirninfarkte (Vitamin E), innere Blutungen (Vitamin E und A), neurologische Störungen und Haarausfall (Selen). Eine neue epidemiologische Studie aus Amerika findet keinen Zusammenhang zwischen der regelmäßigen Einnahme von Multivitaminpräparaten und der Detektion von frühen oder lokal begrenzten Prostatakarzinomen (15). Im Gegenteil, die Studie weist darauf hin, dass das Risiko an einem fortgeschrittenen Prostatakarzinom zu erkranken und zu versterben bei exzessivem Gebrauch von Multivitaminpräparaten (> 7 mal pro Woche) höher ist als bei den Männer, die keine Multivitaminpräparaten einnehmen (15). Eine ausgewogene Ernährung kann deshalb durch die Einnahme von Multivitaminpräparaten nicht ersetzt werden.
In der Präventivmedizin gibt es auch immer wieder Diskrepanzen zwischen den nachgewiesen biologischen Wirkungsmechanismen einer Substanz und der epidemiologischen Evidenz. Die bekannten antitumoralen Eigenschaften des Lycopins (Tomaten) lassen sich in epidemiologischen Studien nicht belegen. Es findet sich kein Zusammenhang zwischen den Serumwerten des Lycopins und der Detektion des Prostatakarzinoms (20). In dieser Studie wurde auch gezeigt, dass hohe Spiegel von β-Karotin ein Risikofaktor für das Entstehen aggressiver Prostatakarzinome darstellen (20).
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